Heute gibt es mal eine nachdenkliche Folge …
Das Thema „Leistung“ ist mir in den letzten Wochen mehrfach begegnet und ich möchte euch an meinen Gedanken teilhaben lassen.
 
Schon zu Schulzeiten war ich pflichtbewusst. Ich habe nicht besonders viel gelernt, aber ich habe so gut wie immer meine Hausaufgaben gemacht. War ja meine Aufgabe und außerdem habe ich mich unwohl gefühlt, wenn ich sie nicht gemacht hatte. Hatte Angst, negativ aufzufallen und Ärger zu bekommen. Rückblickend betrachtet war das tatsächlich meine Hauptmotivation während der Schulzeit: keinen Ärger zu bekommen. Mathe konnte ich gut, Französisch hat mir richtig Spaß gemacht, alles andere fand ich eigentlich langweilig. Wirklich interessiert haben mich mehr die anderen Themen, wie die Schülerzeitung wieder aufzubauen oder in der Schülervertretung Projekte aufzusetzen, wie zum Beispiel eine Nachhilfebörse aufzubauen.
Trotz des Desinteresses war ich total gut in der Schule. Habe geleistet. Habe Ansprüche erfüllt. Im Nachhinein weiß ich nicht mal, wessen Ansprüche das eigentlich waren.
 
Ich hab dieses Leisten auch ziemlich konsequent umgesetzt. Am Anfang meiner Teenagerzeit hatte ich mal ne ziemlich coole Clique und ich erinner mich an einen Moment, an einen Nachmittag: Da saßen mehrere Freunde in meinem recht kleinen Kinderzimmer und ich saß mit dem Rücken zu ihnen an meinem Schreibtisch und habe stoisch erst meine Hausaufgaben fertig gemacht, bevor ich meinen Fokus auf meine Freunde gerichtet habe.
 
Das spiegelt eigentlich auch ganz gut wieder wie mein Leben nach meinem Abitur weiter ging und wie meine Prioritäten waren: erst die Leistung.
Ich habe Ausbildung und Studium gleichzeitig gemacht, hatte kaum Zeit für irgendetwas anderes. Später dann als Angestellte in der Unternehmensberatung kam da auch ganz klar die Arbeit und dann erstmal lange nichts. Ich erinnere mich an einen Freitagabend, an dem ich heulend in meinem Bett lag. Da war ich gerade von meiner Geschäftsreise zurückgekehrt und wollte meinen Freund sehen, meine Freunde, tausend schöne Sachen machen. Aber ich war so erschöpft, dass ich eigentlich nur meine Ruhe wollte – und schlafen.
 
Eine Unternehmensberatung ist natürlich ein total passender Ort für jemanden, wie ich es damals war: gewohnt zu leisten, die Beste sein zu wollen.
Mir ist es dann ja irgendwann nicht mehr gelungen Grenzen zu setzen. Weil ich es nicht gewohnt war und weil ich es mich nicht getraut habe. Ich habe bestimmten Kollegen keine Grenzen gesetzt und vor allem auch mir selbst gegenüber nicht. 
 
Erst während meines Burnouts und meiner langen Australienreise habe ich gelernt, mehr auf mich zu achten. Langsam habe ich angefangen, mehr zu leben. Ich habe mir Städte angeguckt, in denen ich war, nicht nur das Kundenbüro und mein Hotelzimmer. Ich habe sogar angefangen, bewusst jeden Tag etwas Schönes zu machen. Und. ihr glaubt es kaum: Arbeiten zählte nicht. Ich habe auch mehr über Selbstliebe gelernt und für mich zu sorgen. Das ging tatsächlich nicht von heute auf morgen und war auch nicht immer schön.
 
Eines Tages war ich mit der Aufgabe konfrontiert: Was mag ich eigentlich an mir? Ich bin da selbstbewusst gewesen und vielmehr noch, gewohnt, selbstbewusst aufzutreten, aus der Unternehmensberatung, und mir ist sofort ganz viel eingefallen: Lauter Eigenschaften, wie toll ich leisten kann.
Der zweite Teil der Aufgabe war aber viel mehr tricky: Was mag ich an mir, außer meiner Leistung?
… Damals ist mir tatsächlich nicht viel eingefallen …
Daher kommt auch meine leicht melancholische Einleitungsfrage: Was bin ich eigentlich wert, ohne meine Leistung?
 
Hast du dich das schonmal gefragt?
In den letzten Wochen hatte ich das Thema auf jeden Fall mehrfach mit meinen Kunden.
Mit einer Kundin habe ich herausgefunden, dass sie die eigentlichen Bestandteile ihrer Arbeit gar nicht schätzt, sondern fast verachtet. Aber wenn sie Bekannten begegnet und sie ihnen ihren Arbeitstitel nennt, sind sie beeindruckt.
Ist das ein Grund, einen Job zu machen, den ich nicht mag?
Letzten Endes suchen wir als Menschen immer nach Liebe, Wertschätzung und Anerkennung. Und je weniger wir das von uns selbst bekommen, desto mehr und dringender benötigen wir das von außen.
 
Mit einem anderen Kunden habe ich darüber gesprochen, welche Tätigkeit er machen kann, damit er nicht wieder einen Burnout bekommt. Bei der Anzahl der Arbeitsstunden, die er im Monat gearbeitet hat, wird mir immer noch ganz anders. Wir haben tatsächlich festgestellt, dass er, solange er sich über seine Leistung definiert, in so gut wie jedem Job ausbrennen kann.
 
Arbeiten, leisten, funktionieren ist definitiv auch eine Art sich abzulenken und zu betäuben. 
Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Wenn ich mich nicht gut gefühlt habe, habe ich einfach gearbeitet. Dann habe ich mich erfolgreich gefühlt. Das muss nicht nur die eigentliche Arbeit sein. Ich kann auch sehr gut sehr schnell für private Projekte die Ärmel hochkrempeln und leisten.
 
Was ich gelernt habe, seit ich selbstständig bin:
  • einfach mal für mich zu sein
  • zu entspannen, zu meditieren
  • für mich zu sorgen
  • krank sein zu dürfen
  • dass arbeiten nicht alles ist
  • darauf zu achten, worauf ich meinen Fokus lenke
Einerseits ist es tatsächlich gerade als Selbstständige nicht unbedingt einfacher, mich nicht über meine Arbeit zu definieren. Ich arbeite ja tatsächlich Sachen, die ich liebe. Es gibt ja auch Sprüche wie “Wenn du arbeitest, was du liebst, arbeitest du keinen einzigen Tag mehr“. 
Andererseits habe ich es durch das totale Ausgebranntsein vielleicht auch auf die harte Tour gelernt: wie wichtig es ist, für mich zu sorgen. Es gelingt mir tatsächlich fast immer, zwei Tage pro Woche nicht zu arbeiten und ausreichend Urlaub zu machen. Ich bin ja auch viel mehr für mich verantwortlich: Wenn ich mich jetzt körperlich oder wie auch immer stark überfordere und länger ausfalle, verdiene ich ja erstmal nichts.
 
Ich hoffe, ich habe dich auch auf eine angenehme Art nachdenklich gemacht.
 
Das möchte ich dir heute mitgeben: 
Verbringe mal etwas Zeit mit dir und überlege, was du an dir magst.
 
Ich wünsche dir ganz ganz viel Spaß und Wertschätzung dabei!
 
Be happy and be light
 
Deine Janina