Je mehr Erwartungen wir haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nicht erfüllt werden. Und wir dann enttäuscht sind oder unzufrieden oder …
 
Irgendwie wissen wir das ja. Aber in den meisten Fällen ist es ja nicht so, als würden wir uns hinsetzen oder uns die Erwartungen bewusst aussuchen. Sie sind einfach plötzlich da.
 
Ich fand diesen Spruch früher immer doof, den ich ein paar Mal gehört hatte, meistens eher in frustrierter Stimme vorgetragen:
„Man darf halt keine Erwartungen haben, dann wird man auch nicht enttäuscht!“
 
Mittlerweile habe ich gelernt: ETWAS Wahres ist dran. Die Verbindung von Erwartung und Enttäuschung habe ich ja gerade schon aufgegriffen. 
Was von dem Spruch in der Realität nicht so gut funktioniert, ist das Nicht-Dürfen – und die wenig verständnisvolle Haltung mit sich selbst. Ich kann mir meine Erwartungen nicht einfach verbieten um sie loszuwerden. Das bringt nur Folgendes mit sich: Ich bin enttäuscht, weil meine Erwartung nicht erfüllt wurde. Dann schimpfe ich noch mit mir, dass ich ja selbst Schuld bin, weil ich Erwartungen hatte. Also ich würde mich dadurch nicht besser fühlen.
Oder einen Schritt früher ansetzen? Sich die Erwartung schon vorm Enttäuscht-werden verbieten?
Vielleicht kannst du dich ja noch daran erinnern, wie es früher war, wenn uns etwas verboten wurde. War der Wunsch danach dann einfach weg?
Eben.
 
Und trotzdem ist etwas Wahres dran, nämlich die Verknüpfung von Erwartung und möglicherweise schlechtem Gefühl.
Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder einige Tage mit viel Meditation und auch Schweigen verbracht, zum Beispiel in Verbindung mit Seminaren.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich einmal an einem Morgen aufgewacht bin und gedacht habe: Wow, wenn ich keine Erwartungen habe, DANN bin ich frei. Und zwar: keine Erwartungen an andere, keine an mich, keine an meinen Körper.
Wenn ich zum Beispiel von meinem Körper nicht erwarte, dass er gerade nirgendwo weh tut.
 
Ja, das ist erstmal eine Erkenntnis. Für mich unterscheidet sie sich von dem eingangs beschriebenen Spruch dadurch, dass es mehr Folgendes ist: eine Erkenntnis. Kein Muss. Kein Verbot. Eine Entdeckung, die für mich mit Verständnis verbunden ist.
Ich kann in Momenten, in denen ich mich total glücklich fühle, frei, voller Liebe, sehen, dass ich da total im Moment bin – und ohne Erwartungen.
 
Auch ein netter Punkt: Wenn ich im Moment bin, kann ich gar keine Erwartung haben – Erwartung bedeutet ja, dass ich mir die Zukunft – wie nah auch immer sie sein mag, vorstelle. Oder manchmal die Vergangenheit. Aber im Moment bin ich da meistens nicht.
 
Was ganz wichtig ist – und für dich vielleicht auch erstmal irgendwie beruhigend: Ja, schöne Erkenntnis – und trotzdem sind sie plötzlich da: ERWARTUNGEN.
 
Und deshalb hier noch ein paar Tipps, was dir helfen kann, mit Erwartungen umzugehen:
  1. Nimm sie wahr. Und am besten mit einer freundlichen „Aha“-Einstellung: Okay, alles klar, da habe ich eine Erwartung. Ist ja interessant. 
           Klingt vielleicht erstmal seltsam – und ist eine liebevolle Art mit dir selbst umzugehen.
  1. Falls dir nicht sofort klar ist, wie das mit dem Wahrnehmen gehen soll, kannst du versuchen, herauszufinden, was du gerne von der anderen Person hättest (oder auch von dir selbst, deinem Körper) …
  • Er sollte unseren Termin nicht vergessen.
  • Sie sollte pünktlich sein.
  • Ich sollte nicht so viele Süßigkeiten essen.
  • Mein Arm sollte nicht weh tun.
          Das sind quasi Ratschläge, die wir dem anderen (oder uns selbst) geben, damit WIR dann selbst glücklich wären.
 
  1. Falls du meditierst oder sogar workst (also The Work von Byron Katie anwendest), kannst du das natürlich dafür nutzen, dir deine nun bewusste Erwartung anzuschauen.
  1. Es kann natürlich helfen, unsere Erwartungen auch zu kommunizieren. „Ich fänd es schön, wenn du mich in den Arm nimmst, wenn ich traurig bin.“ Da der andere in den meisten Fällen nicht hellsehen kann, ist das super hilfreich, wenn ich das ausspreche. Damit der andere eine Chance hat, das zu machen, wenn ihm danach ist. Das Wichtige hierbei ist, dass ich das kommunizieren kann und dass das nicht gleichzeitig bedeutet, dass der andere das deswegen machen muss. 
 
Mir sind im Laufe der Zeit immer wieder Momente aufgefallen, in denen ich erwartungsfrei war.
Zum Beispiel eine Fahrt nach Düsseldorf, bei der ich in meinem Amt im Charitybereich zu einer Kassenprüfung mit einer netten Kollegin verabredet war. Und in dem Moment bemerkt habe, dass ich nicht mal die Erwartung hatte, dass das gleich stattfindet, obwohl ich extra hingefahren bin.
Oder der Moment, als ich nach Neuss gefahren bin um mit einem Kumpel ins Kino zu gehen. Hätte er mir da kurz vorher abgesagt, wäre das genauso okay gewesen, OBWOHL ich extra hingefahren bin.
Oder wie schön es ist, wenn ich mit jemandem Zeit verbringen kann, ohne zu erwarten, dass wir das bald wieder machen. 
 
Vielleicht verstehst du, was ich damit meine. Mein letzter Tipp für heute: Wir können uns die Rahmenbedingungen so schaffen, dass wir weniger Erwartungen haben. Wenn ich zum Beispiel die Kinoverabredung noch in meinen Tag gequetscht hätte und mich total hätte beeilen müssen, um rechtzeitig da zu sein und dann komm ich gehetzt an und der andere kommt zu spät oder hat mich gar vergessen: Da könnte es definitiv sein, dass ich genervt wäre. Wenn ich stattdessen rechtzeitig für mich sorge, bin ich gleich entspannter: Tag nicht zu voll quetschen, irgendwie für Entzerrung sorgen, nochmal nachfragen, ob das alles so bleibt mit der Verabredung und der Zeit …
 
So, jetzt bin ich gespannt, was du für Erwartungen hast.
Teil deine Erfahrungen gerne mit mir.
 
Und jetzt erstmal: Viel Spaß dabei, dich und deine Erwartungen besser kennen zu lernen!
 
Be happy & be light
 
Deine Janina
 
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