Ich kenne genug Leute, die Stille nicht aushalten können.
Von einer Verabredung zur nächsten hetzen. Die sich die Freizeit mit vermeintlichen Abenteuern vollknallen und immer etwas unternehmen.
Ich kann das gut verstehen, ich habe selbst dazu gehört.
 
Woran liegt es denn, dass wir nicht alleine sein mögen und lieber unterwegs sind?
 
Wenn wir dann einmal zur Ruhe kommen bzw. zur Ruhe kommen wollen, haben wir den Eindruck, dass unser Gedankenkarussell anspringt. Und schon sind sie da: tausende Gedanken.
Ob es dann erst anspringt oder ob wir einfach mal leise genug sind um uns selbst zu hören: Ist ja eigentlich auch egal.
 
Hier mal ein paar Gedanken, die ihr dann hören könntet:
Was will ich eigentlich vom Leben?
Wieso mache ich etwas, was mich nicht glücklich macht?
Ich muss noch so viel machen …
Hilfe, ich kann nicht mehr, ich bin so erschöpft.
Möchte ich überhaupt mit meinem Partner zusammen sein?
Habe ich genug erreicht?
 
Spannend finde ich auch:
Mögen wir uns genug um Zeit mit uns selbst zu verbringen? Finden wir uns selbst interessant genug?
 
Ich finde dazu das Zitat von Byron Katie interessant, aus ihrem Buch „Who would you be without your story“, auf Deutsch „Wer wäre ich ohne mein Drama“:
„Die Leute sind deshalb nicht gern allein, weil sie dann allein mit ihren eigenen Gedanken sind. Und wenn du nicht in Frieden mit deinen Gedanken bist, dann magst du deine eigene Gesellschaft nicht.“
(Ich mag ja immer ihre eigenen, nicht übersetzten Worte, deshalb nochmal auf Englisch: „The reason people don’t like to be alone is that they’re alone with their own thoughts. And if you aren’t at peace with what you think, you don’t like the company you keep.“)
 
Ich selbst bin extrovertiert und habe früher immer sehr viel unternommen, und das auch oft mit anderen.
Das erste Mal wirklich introvertiert und ruhiger war ich 2007, als ich alleine nach Hawaii gereist bin. Ich hatte mich gerade nach wenigen Monaten dagegen entschieden, Mathe weiter zu studieren und plötzlich war mein Plan, der ja für die nächsten x Jahre gestanden hatte, weg. Vorher war alles so geradlinig gewesen: 13 Jahre Schule, dann direkt der Übergang in mein Duales Studium. Alles war geplant und getaktet gewesen. Nach knapp vier Jahren hatte ich meine Diplomprüfung, zwei Tage später wurde mein Schienbein operiert. Direkt danach habe ich mir eine Wohnung in Köln gesucht, einen Mathevorkurs gemacht und angefangen, Mathematik zu studieren. Natürlich rechtzeitig vorher eingetütet. Und eines Morgens Anfang Dezember, als ich gerade frühmorgens zur Vorlesung durch klirrende Kälte geradelt bin, war mir klar, dass ich das so gar nicht wollte. Und plötzlich war da ein großes Loch: OH MEIN GOTT, was mache ich denn jetzt?
 
Versteht mich nicht falsch: Ich bin immer noch froh, dass ich das ausprobiert habe. Sonst hätte ich mich womöglich mein Leben lang gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich doch noch Vollzeit studiert hätte.
 
Zur Überbrückung bin ich dann zweieinhalb Monate in einer studentischen Unternehmensberatung gewesen und habe den Spaß mit den anderen dort genossen. Und während ich angefangen habe mich zu bewerben, habe ich beschlossen, dass ich mein Englisch nochmal auffrischen wollte. In einer Mittagspause habe ich mit einer Kollegin Bilder von einem Sprachreisenanbieter angeschaut und vermutlich haben wir Hawaii da nur in Betracht gezogen, weil wir gerade albern waren. Ich hatte noch nie Reisesehnsucht gehabt und plötzlich war sie da: Wow, sah das toll aus!
 
Bis dahin war ich irgendwie immer nur mitgereist: Mit meiner Familie, mit Freunden, mit Freundinnen. Die Destination war mir immer egal gewesen und sehr zur Belustigung meiner Familie hatte ich auch oft vergessen, wo es hinging. Mir war nur wichtig, eine schöne, erholsame, aber auch abenteuerreiche Zeit mit meinen Freunden zu verbringen.
 
Und dann ging es los nach Hawaii: Ab dem Düsseldorfer Flughafen war ich auf mich allein gestellt und bin über LAX nach Honolulu gereist. Und ich habe gemerkt: Ich kann mich alleine tatsächlich gut orientieren.
Einen gewissen Rahmen hatte ich dort: Ich hatte eine „guest mum“ und den Unterricht vormittags. In der Sprachschule waren vor allem Schweizer, Japaner und Koreaner. Wie ich es gewohnt war, habe ich mich schnell mit einigen von ihnen angefreundet und mit ihnen einiges unternommen. Bis es mir an einem Mittag dämmerte: An einigen Abenden hatte ich mich unwohl gefühlt und vor allem mit einem Mädel aus meiner Klasse habe ich eigentlich nur aus einem Grund etwas unternommen: um nicht alleine zu sein. Ich mochte sie nicht mal besonders. Ab dem Moment habe nur noch wohldosiert etwas mit den anderen unternommen und sogar noch ein paar andere nette Mädels kennen gelernt, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Und zwar dann, wenn mir danach war, etwas mit diesen Personen zu machen. Ich habe auch angefangen, viel alleine zu machen und mich viel alleine zu trauen. Ich war oft alleine am Strand, habe gelesen, einfach nur etwas getrunken. Ich habe mich alleine in Cafés gesetzt, was ich bis heute noch gerne mache. Ich habe mit Dutzenden fremden Menschen kurze Unterhaltungen gehabt und war dann wieder mit mir alleine. Im Endeffekt hat mir das sogar dabei geholfen, mein Englisch drastisch zu verbessern, weil ich viel mit Locals gesprochen habe, anstatt mit anderen Sprachschülern, deren Englisch eher schlechter als meins war oder die in ihrer Freizeit vielleicht doch lieber (schweizer)deutsch gesprochen haben.
Viel wichtiger war aber für mich, dass ich einfach so war, wie ich in dem Moment wirklich war: ruhiger, bei mir, ohne die anderen beeindrucken zu wollen.
 
Ich hatte mich gegen das entschieden, was mir viele empfohlen hätten. Honolulu erschien nicht die vernünftige Variante zu sein um strebsam mein Englisch aufzufrischen. Im Nachhinein war es eine tolle Entscheidung: Ich konnte kurzfristig (ohne spezielles Visum) nur 16 Unterrichtsstunden pro Woche nehmen. Mehr hätte ich auch nicht gebraucht, es ging ja nicht darum, dass ich die Sprache lerne – das hatte ich immerhin neun Jahre in der Schule getan. Schon im Vorfeld hatte ich da auf mich und auf meinen Instinkt gehört und nicht auf das, was andere von mir erwartet hätten.
 
In diesem Urlaub habe ich angefangen, mich auf eine andere Art kennen zu lernen: ruhig, mutig, abenteuerlustig, in mich gekehrt. Ich bin in alle möglichen Richtungen Bus über die Insel gefahren und ich war so richtig in Entdeckerlaune: fremde Stadt, fremder Kontinent – und mich selbst kennen zu lernen und für mich selbst da zu sein.
 
Vielleicht hast du ja auch Lust, dich mal alleine auf einen Kaffee in ein gemütliches Café einzuladen.
 
Ich wünsch dir eine schöne Zeit mit dir selbst.
 
Be happy & be light
 
Deine Janina